Linda Princess

Universitätsspital Zürich

OLGASTRASSE, 3. STOCK. Mitten in einer Kundensitzung klingelte mein iPhone. Unbekannte Nummer. Hat Zeit, dachte ich mir. Eine Minute später nochmals diese Nummer. Ich spürte, ich musste ran. «Herr Ruf? Hier Frau Dr. Seeberger vom Seespital Horgen. Ihre Tochter ist schwer erkrankt. Sie wird soeben ins Universitätsspital Zürich überführt. Melden Sie sich dort auf der Notfallstation.» Natürlich wusste ich, dass Linda am Morgen wegen starker Übelkeit und Verdacht auf Vogelgrippe ins Seespital eingeliefert wurde. Aber jetzt, plötzlich schwerkrank? Es wurde mir flau im Magen. Ich liess Kunde, Projekt und Mitarbeiter stehen.

Zuerst marschierte ich, dann rannte ich vom Pfauen in Richtung Universitätsspital. Ich spürte, die Zeit drängte. Meine Gedanken hämmerten: Lauf, Maege, lauf! Ich war ausser Atem, als aus Richtung Kunsthaus eine Sirene ertönte und ein Krankenwagen vom Seespital Horgen an mir vorbeiraste. Das Bild hat sich für ewig eingebrannt: auf dem Beifahrersitz erkannte ich eine dunkle, in sich zusammengesunkene Person: Erica, meine Frau! Oh nein, ich komme! Es reichte nicht mehr. Das mobile Krankenwagenbett war bereits in der Intensivstation verschwunden.

 

12:30 Uhr. Was nun? Warten auf einer Holzbank vor der Intensivstation. Warten bis wir Einlass erhielten. Warten auf eine Diagnose. Wann kann sie wieder nach Hause? Warten.

 

13:30 Uhr. Eine erste Diagnose war wenig informativ. «Wir sind daran, sie zu stabilisieren.» Wir klammerten uns an den Hoffnungsschimmer, den wir aus dieser Information zu hören glaubten. Eine Seitentüre öffnete sich. Weissgekleidete Mediziner rollten eine grosse Maschine in die Intensivstation. Eine Viertelstunde später noch eine. Auch Corinne und Stefanie sind eingetroffen. 

 

14:30 Uhr. «Familie Ruf? Leider können wir noch nicht mehr sagen. Nein, im Moment können sie nicht zu Linda.» Warum nicht? Die Miene des Arztes gefiel uns nicht. Unsere Sorge wuchs. Stille, Verzweiflung, Ohnmacht, Tränen, alles übermannte uns. Doch so schnell geben wir nicht auf! Warten. Die Minute vergingen wie Stunden.

 

15:30 Uhr. Plötzlich überkam mich ein Gedanke, ein schrecklicher und unfassbarer: Linda ist im Himmel. Zwar wussten wir nicht mehr und nicht weniger. Aber ich glaubte, eine Stimme zu hören: Linda ist im Himmel.

 

17:00 Uhr. In ihrem engen Büro erklärte uns die Stationsleiterin Frau Dr. med. Eveline Müller die Situation. Hirnhautentzündung, Blutvergiftung, Blutzersetzung. Ich wollte es gar nicht hören. «Gehen Sie bitte nach Hause, sie können hier nichts tun. Wir informieren Sie laufend.» Eine Stunde später brannte in der Bahnhofskirche unsere Kerze.

 

19:00 Uhr. Ein Anruf vom Spital: «Sie könnten Linda jetzt besuchen. Melden Sie sich bei der Notfallaufnahme. Aber seien sie darauf vorbereitet.» Hinter Schläuchen und Apparaten fand ich Linda, zugedeckt mit grünen Tüchern. Nein, das war nicht Linda. Das war nur noch ihr Körper, gekennzeichnet durch schwere, intensive Eingriffe. Mir brach das Herz. Meine Linda, unsere Linda, was haben sie mit dir gemacht? Hinter meinen tränenerfüllten Augen verschwamm ihr Gesicht. Schockiert legte ich ihre Lieblingskette auf das grüne Tuch. Ich traute kaum, sie zu berühren. Ich spürte, zu spät, hier bin ich fehl am Platz. Ich muss nach Hause zu meiner Familie.

 

21:10 Uhr. Das unvermeidliche Telefon vom Universitätsspital: Linda ist im Himmel. Warum? Warum Linda?

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