HAUSGESCHICHTEN

Es sind nur wenige Tage im Jahr, die Seraina Huber-Achermann nicht wirklich mag. Der 1. April, ist so einer. Sie findet die Spielchen mit den konstruierten Situationen eher peinlich als lustig. Der 14. Februar ist auch so ein Tag, weil ihr kollektives Blumenschenken wenig herzlich scheint.

 

Und ein anderer steht gerade vor der Türe: der Muttertag. In Läden baumeln wochenlang Herzen von den Decken, im Internet blinken Herzen in Spezialangeboten und in Läden kleben Herzen auf Kochbücher, Kugelschreiber, Kosmetik- und anderen halbwegs als Geschenk geeigneten Artikeln. Geschenke auf Bestellung, das mag Seraina nicht wirklich. Viel mehr liebt sie es, wenn im Laufe des Jahres eine Kinderzeichnung auf ihrem Kopfkissen liegt oder sie spontan mit einem Blumenstrauss überrascht wird.

 

Ganz anders ihre beste Freundin Luisa. Luisa liebt den Muttertag mit allem Drum und Dran. Den Kaffee im Bett, die Blumen, die von Kinderhand gekritzelte Zeichnung, ihren kochenden Mann, ein weissgedeckter Tisch, hübsche Kleider, fröhliche Sonntagslaune, ja sogar den obligatorischen Überraschungsbesuch der Schwiegereltern möchte sie nicht missen! Nein, sie kann Seraina nicht wirklich verstehen. Einen Tag all inclusive! Welche Mutter wünscht sich das nicht? 

 

Die Woche vor Muttertag bringt Überraschungen bei Huber-Achermann. Die kleine Rosa kann ihr Geheimnis nur halb für sich behalten und verkündet: «Mami, ich weiss schon, was ich dir auf den Muttertag schenke!» und presst die Lippen demonstrativ zusammen. Moritz schleicht ungewohnt leise mit einer Kartonschachtel unter dem Arm in sein Zimmer und schliesst fast flüsterhaft die Türe. Und die offene Türe ihres Kleiderschrankes lässt darauf schliessen, dass auch Thomas ihr Mann etwas im Schilde führt. Seraina ahnt immer mehr, dass etwas auf sie zukommt.

 

Jetzt fehlen nur noch die Eltern von Thomas. Jedes Jahr haben sie Seraina mit der Familie eingeladen und ihr gratuliert. Wofür? Seraina sieht sich schon irgendwo in einem Ausflugsrestaurant am weissgedeckten Tisch vor einem Teller mit Rahmschnitzel und Nüdeli sitzen. Um den Teller herzförmig angeordnet Margeriten, die ihr leid tun. Neben dem Teller eine Kinderzeichnung und ein selbstgebastelter Schmetterling. Und vis-à-vis Thomas im (einzigen) Anzug und einem kleinen, hübsch verpackten Geschenk mit Masche.

 

Am Vorabend stockte ihr fast der Atem, als Thomas feierlich verkündet, dass der Muttertag unter seiner Regie ablaufen werde. Ein Muttertag nach Schema «the same procedure as last year» schien unabwendbar. Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als sie die kleine Ella im Nachbarhaus sieht, ein grosses rotes Herz an das Wohnzimmerfenster zu kleben. Ella geht mit Rosa in den gleichen Kindergarten...

 

Als Seraina am Muttertagmorgen erwacht, ist das Haus still. Kein Mucks ist zu hören, kein Lachen, kein tapp-tapp-tapp im Gang, kein gedeckter Zmorgentisch, keine farbigen Blumen, kein rotes Herz, keine Musik, keine strahlenden Schwiegereltern, nur strahlender Sonnenschein. Ein Morgen wie jeder andere. Dafür stolpert Seraina fast über eine Kartonschachtel, die mitten im Wohnzimmer herumliegt. Darin liegen ihre Freizeitschuhe, ihre Jeans, ihr Lieblings-T-Shirt, ihre Sonnenbrille, ein Taxigutschein und einen kleiner Zettel mit einer Skizze. «Liebes Mami. Wir alle erwarten dich auf unserem Lieblingsspielplatz zum fröhlichen Bräteln. Übrigens, deine Freundin Luisa und ihre Familie ist auch dabei!»

Muttertag

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