DIGITALGESCHICHTEN

«Fertiger Blödsinn!», meinte unser Nachbar zum Thema Familien-Chat, «…das brauchen wir nicht, wir reden noch miteinander!». Hoppla, sein Ton war so grantig, als hätte ich sein Familiengeheimnis aufgedeckt. Keine Sorge, wenn etwas tausende von Jahren überlebt hat, dann ist es das ‘Reden’. Reden miteinander, gegeneinander, durcheinander, aneinander vorbei...

 

Ich frage mich heute, wie wir es früher machten, mit einem einzigen Wandtelefon für die ganze Familie. Montiert war es genau an jenem Ort, der für alle zugänglich war, nämlich im Korridor. Es war jeweils der Tageshöhepunkt, wenn dieser schwarze Kasten klingelte und unsere Mutter mit erwartungsvollem Blick in die klobige schwarze Muschel raunte: «Ruf». Aus jedem Zimmer konnte man jedes Gespräch mitverfolgen. Da nützte meinen Schwestern alles Flüstern nichts, je leiser ihr Ton, umso grösser unsere Ohren! Und wenn meine Mutter mit dem Zeigefinger und strengem Blick auf die Wanduhr zeigte, war die Sprechzeit abgelaufen.

 

Gottseidank, das ist heute überstanden. Digitale Wellen haben das schwarze, geringelte, immer verknotete Hörerkabel abgelöst. Aus dem Wandtelefon wurde das Handtelefon! Heute quaken Frösche, trällern Popstars, tuten Schiffshörner oder musizieren Sinfonieorchester aus Handtaschen, Jackets und Schulmappen. Oft zum Ärger der Öffentlichkeit. Eigentlich muss das Vis-à-vis im Tram nicht wissen, was A zu Mittag isst, wohin B fährt, dass C zu spät ist oder dass es in der Partnerschaft von D kriselt.

 

Heute geht alles viel diskreter, WhatsApp sei dank! Der lautlose Chat hat sich etabliert. Prinz Harry informierte seine Cousins und Cousinen im royalen Familien-Chat über die Geburt seines Sohnes Archie, Zugführer senden dem Lokführer per SMS den Abfahrbefehl und Prominente pflegen ihr Image per WhatsApp. What else?

 

Lieber Nachbar, unser Familienchat ist eine Bereicherung. Natürlich ist es fertig mit Versteckis, auch ich muss mich im Chat-Ping-Pong outen! Aber die Neugierde drängt mich sowieso, bei einem Bling die Nachricht zu lesen. Es freut mich, wenn mich meine Töchter in ihr Leben blicken lassen und sei es nur mit dem Bild eines gelungenen Nachtessens, einem geglückten Tag oder für ein Hallo aus dem Zug. Ich muss ja nicht immer meinen Senf dazugeben. Die blauen Häckchen zeigen ihnen, dass ich auf dem neuesten Stand bin. Und wer will, kann Grenzen ziehen. Es ist nicht verboten, den Herrn Sohn oder die Frau Tochter an die Distanz zu erinnern, wenn er vom Zimmer in die Küche chattet: „Wann gibt‘s Znacht?“ 

 

Bling. WhatsApp transportiert nur das, was man in die Tasten haut. Noch gibt es keine Software, die den eingetippten Text zu einer harmonischen, lustigen, wertschätzenden oder lügenfreien Fassung umfunktioniert. Wo Krach ist, bleibt Krach. Aber WhatsApp gibt dem Nutzer zumindest eine sekundenkurze Chance, das Geschriebene vor dem Absenden durch seinen Verstand überprüfen zu lassen. 

What else?

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