KOLUMNE

Ausmisten! Muss ich das?

Ausmisten ist in. Das neue Lifestyle-Credo ist auch bei mir angekommen. Mit zehn goldenen Regeln soll mein persönliches Befinden ins Gleichgewicht gebracht werden. Und mit hundert Gegenständen mein Leben glücklich. Die geschäftstüchtigen Ratgeber im Internet haben es bald geschafft, mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Weniger ist mehr. Wirklich?

 

Wenn es nach meiner Frau geht, dann ja. Aber eben, Gegensätze ziehen sich an. Sie ist für wegwerfen, ich für behalten. Seit die Kinder ausgezogen sind, haben sich Chaos und überquellende Räume von selbst erledigt. Dafür hat sich der Fokus auf uns gerichtet. Für mich ist unser Zustand perfekt, für meine Frau nicht. Sie ist von Höherem inspiriert. Ihr Kleiderschrank präsentiert sich wie aus dem Prospekt. Nach Farben geordnete Blusen, Röcke, Hosen und nach spezieller Art gefaltete Accessoires. Finde ich ja noch toll. Aber was, wenn plötzlich mein Kleiderschrank im Fokus steht? «Schatz, brauchst du wirklich zwölf blaue Hemden und sechs weisse?» «Und was ist mit diesen Hosen? Die schwarzen sind für den Winter. Und diese passen auch nicht mehr.» Und, und, und.

 

Oh, da nervt meine Liebste. Sie stochert genau in meinem Dilemma herum. Brauche ich zwölf blaue Hemden? Nein, brauche ich nicht. Aber eines erinnert mich an eine erfolgreiche Sitzung und auch jedes andere beinhaltet seine Geschichte. Wie soll ich mich entscheiden? Zweiunddreissig Paar Socken? Klar brauche ich pro Tag nur eines. Aber schon der Blick in meine farbige Sockenschublade fasziniert mich. Und obwohl ich kaum mehr einen Marathon bestreiten werde, stören mich auch meine fünf Paar Jogging-Schuhe überhaupt nicht. Für mich ist nerviger, wenn auf meinem Laptop dauernd die Meldung «Festplatte voll» blinkt. Und wenn aus 6'834 eMails die Gesuchte verschwunden bleibt. Und wenn ich in meiner Elektrokiste das richtige Verbindungskabel nicht finde. Dieser Ärger dauert vielleicht zwei Minuten. Aber Sortieren und Aufräumen beansprucht einige Stunden. Also, so what? So funktioniere ich halt.

 

Aber trotzdem, wenn ich mich mit einem Business-Kumpel vergleiche, fühle ich mich als ganz ordentlicher Mensch. Sein Büro ist mit geschätzten zehntausend Gegenständen bis unter die Decke gefüllt. Regale, improvisierte Gestelle, Stapel von Zeitschriften, Bücher, Ordner. Er brauche das für seine Kreativität. Da liege sein Fundus, sozusagen sein Kapital. Doch er weiss, auch sein System offenbart Schwächen. Zuerst muss ihm in den Sinn kommen, dass er es hat. Dann muss er es finden. Und wenn er es gefunden hat, dann ist er nicht sicher, ob es noch aktuell ist, und dann sucht er meistens im Internet.

 

Zurück in unsere Wohnung. Was ist mit den Gemeinschaftsräumen, wie Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer, Keller? Im Laufe der Zeit hat sich unser Sinn fürs Minimieren angenähert. Meine Frau hat den Takt übernommen. Und so verschwinden in stiller Übereinstimmung wie von Zauberhand überflüssige Gegenstände. Und ich muss zugeben, ich fühle mich nicht unwohl mit weniger Ballast. Nicht wenig, aber das Richtige besitzen ist unsere Devise geworden. Also, liebe Gäste, Besteck und Gläser müsst ihr nicht selbst mitbringen. 

 

Auch dieser Hype wird wieder abflachen. Aber muss man aus allem eine Philosophie machen? Auf mich wirkt es eher zynisch, wenn wir als Überfluss-Gesellschaft mit der Minimalismus-Welle unser Gewissen entlasten wollen, denn für viele Menschen sind leere Schränke und Zimmer immer noch die brutale Realität und nicht Lifestyle.

Haus Magazin Mai 2020

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